Der Riederwald zur Zeit des Nationalsozialismus

Das Ende der Weimarer Republik

Bericht Wolfgang Breckheimer (vermutlich um 1930):

„Ich wurde als 6-7 jähriger Junge einmal nachts wach. Vor dem Wohnhaus war ein großes Getümmel zu hören. Mir war in einem Mansardenzimmer eine Schlafstelle eingerichtet worden. Ich ging ans Fenster, um nach der Ursache des Lärms zu suchen. Auf einem kleinen Platz vor dem Haus (Nußplätzchen in der Raiffeisenstr., Anm. der Redaktion) waren Scharen von Menschen in eine Straßenschlacht verkeilt. Lattenzäune wurden abgerissen, um sie als Schlaginstrumente zu benutzen…. Als ich dann am Morgen zur Schule musste, stand in großen Buchstaben auf der Straße vor dem Haus: ‚Hier floss Arbeiterblut‘. Aber die Riederwälder hatten die Nazis abgewehrt. „

Diesmal gelang das noch! Aber das Blatt sollte sich wie überall in der Republik wenden. Ein Hinweis auf die veränderte Lage sind die Ergebnisse der Reichstagswahlen von 1930. Hatte die NSDAP bei den Wahlen zur Frankfurter Stadtverordnetenversammlung zwei Jahre zuvor im Riederwald nur 130 Stimmen erhalten, so waren es 1930 bereits 596. Aber noch behielten SPD und KPD die Übermacht. Anna Beyer (zunächst in der Sozialistischen Arbeiterjugend aktiv, später dann ISK, im Widerstand aktiv, 1946 Stadträtin für die SPD) berichtet über ihre Zeit im Riederwald:

„Um nicht im eigenen Saft der Gruppe zu schmoren, stellten wir uns die Aufgabe, in einer anderen der sozialistischen Bewegung verbundenen Organisationen zu arbeiten. Ich wählte die Organisation der Freidenker. Da ich von 1927 an längere Zeit arbeitslos war, hatte ich auch für diese Arbeit mehr Zeit. Ich übernahm die Beitragskassierung im Stadtteil Riederwald, wo ich zu dieser Zeit wohnte. Half Kirchenaustrittsangelegenheiten zu organisieren, wie im Gericht oder im Büro eines liberalen Anwalts. Für die Kinder von Freidenkerfamilien richteten wir als Ersatz für den Religionsunterricht in der Riederwaldschule einen Weltanschauungsunterricht ein, den ich gestaltete. Ich verstand mich dabei so gut mit den Kindern, dass wir während der Schulferien sehr schöne Wochen in einem Naturfreundehaus im Spessart verlebten. Leider haben die Nazis der für mich sehr befriedigenden Arbeit 1933 ein Ende gemacht. Ich sehe mich heute noch mit einem schrecklichen Gefühl am Straßenrand stehen, als unsere Freidenkerkinder am 1.Mai unter der Nazifahne marschierten. Viele Hoffnungen sind damals zerbrochen.“

Die politische Lage

Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt, nachdem die NSDAP bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 einen Sieg errungen hat.In Frankfurt erhielt die NSDAP bei den Reichstagswahlen am 5.März 1933 mit 44,1% mehr Stimmen als SPD (20,9%) und KPD (12,6%) zusammen. Bei den eine Woche später stattfindenden Kommunalwahlen errangen die Nazis 47,9% der Stimmen, gemeinsam mit den Deutschnationalen (3,9%) reichte das für eine Mehrheit. Der bisher noch amtierende, demokratische und hochverdiente Oberbürgermeister Ludwig Landmann wurde am Wahltag von SA-Truppen gesucht. Er hielt sich auf Anraten seiner Freunde aber schon nicht mehr in Frankfurt auf und konnte somit seiner Verhaftung entgehen. Am Tage nach der Wahl ließen die Nationalsozialisten durch den Regierungspräsidenten in Wiesbaden, Dr. Friedrich Krebs als kommissarischen Ersten Bürgermeister einsetzen.

Auch an den Wahlergebnissen bei Frankfurter Kommunalwahlen im Riederwald läßt sich der politische Machtzuwachs der NSDAP deutlich ablesen. Verglichen mit den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung von 1929 konnte die NSDAP ihre Stimmen 1933 im Riederwald verzehnfachen. Die Zahl von Wählern der SPD und KPD blieb nahezu gleich, daran lässt sich feststellen, dass es der NSDAP offenbar gelungen war, zahlreiche Nichtwähler zu mobilisieren. Als „freie Wahlen“ konnte man die Kommunalwahlen, und die eine Woche zuvor stattgefundenen Reichs-tagswahlen allerdings nicht mehr bezeichnen: Wie überall begannen auch in Frankfurt schon unmittelbar nach der Machtübergabe an Hitler die Gewalt-aktionen gegen die Linksparteien und es gab erste Zeitungsverbote (z. B. Volksstimme am 18. Februar 1933).

Alltag im Nationalsozialismus

Wie wirkten sich die neuen politischen Verhältnisse auf das Alltagsleben aus? Nun zunächst ist zu sagen, dass auch im Riederwald sicher nicht von einem Tage auf den anderen eine Veränderung spürbar war: Der Machtübergabe an die Nazis ging schließlich eine Entwicklung voraus, sie fiel nicht vom Himmel. Der Riederwald war keine Insel der Glückseligen, unberührt von den politischen und atmosphärischen Entwicklungen im Deutschen Reich und doch hatten sich hier über die Jahrzehnte in besonderem Maße ein Zusammenleben und Gemeinschaftssinn ausgebildet, der von (sozial-) demokratischen Traditionen geprägt war. Vereine und Organisationen, die der Arbeiterbewegung zuzurechnen waren in zahlreicher Zahl vertreten. Paul Quanz (gest. 1960), Riederwälder, lange Jahre Inhaber des Zeitschriftenladens in der Schäfflestr., „Heimatdichter“ und Herausgeber zweier Riederwald-Chroniken (1936 und 1961) hatte in der Ausgabe von 1936 eine besondere, dem damaligen Zeitgeist wohl entsprechende Erklärung für die allmähliche „Gleichschaltung“ des vielgestaltigen Vereinsleben im Riederwald parat:

„Es gab eine Zeit, wo wir innerhalb unserer Kolonie nicht weniger als 42 Vereine und Korporationen hatten. Das Interessanteste dabei war, dass Vereine, die wohl mitunter die gleichen Ziele pflegten, zwei-, drei- sogar viermal vorhanden waren…. Man wusste nie wie man recht tat und wo man hingehen sollte, denn die öffentliche Meinung ‚fällte hieraus gleich ihr Urteil….Heute ist es anders, man hat all das Kleine aufgehoben und ein großes Ganzes geschmiedet. Eine Volksgemeinschaft ist auch hier entstanden und dies ist zu begrüßen …“

Aus dem Geleitwort des Oberbürgermeisters Dr. Krebs lässt sich besondere Fürsorge für den Riederwald ablesen:

„Zu einer echten Zelle unserer Volksgemeinschaft konnte die Riederwald-Kolonie aber erst werden, als der Nationalsozialismus siegreich alle Widerstände beseitigt hatte und für den inneren Frieden dauernde Voraussetzungen schuf. Darum ist es mein Wunsch, dass die kommenden Jahrzehnte der Riederwald-Kolonie die segensreichen Folgen dieser Wandlung in vollem Maße zuteil werden lassen.“

Damit wurde schon recht bald nach Hitlers Machtübernahme begonnen z. B.. mit Hilfe einer „Verfügung des Ausschlusses aller marxistischen und jüdischen Gruppen aus den Ortsausschuss für Jugendpflege“ am 22. Mai 1933. Betroffen davon waren im Riederwald die „Freie Turnerschaft Riederwald, der„Internationale Sozialistische Kampfbund“, das „Jugendkartell Riederwald“, der „Arbeiter Radfahrbund Solidarität“. In den Vereinschroniken sind die „segensreichen Folgen“ der Gleichschaltung beschrieben. Beim Geflügelzuchtverein Riederwald (gegr. 1917) z. B. fanden keine Vorstandswahlen mehr statt. Der Beauftragte der von den Nationalsozialisten eingerichteten agrarpolitischen Abteilung legte den Vorstand fest. Die „Abteilung X“ des VfB Riederwald e.V. 1919 (heute „SG Riederwald 1919 e. V.“) die bei den Arbeitersportereignissen in den 20er Jahren immer recht erfolgreich mitwirkte, wurde aufgelöst. Der VFB musste seinen Vorstand nach den Wünschen der örtlichen Parteileitung umbilden und dem Reichsbund für Leibesübungen beitreten. Die Verfasser der Jubiläumsbroschüre aus Anlass des 65jährigen Bestehens der SG Riederwald 1919 e.V. erinnern sich an „die Schikanen, Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmen von Vereinseigentum u.ä., die seitens der neuen Machthaber an der Tagesordnung waren“.

Aus dem Arbeitergesangsverein wurde schon 1933 der Männerchor Riederwald. Der nach der „Gleichschaltung“ eingesetzte Vereinsvorsitzende Hans Niederau legte am 4. September 1934 sein Amt als Vereinsführer des Männerchor Riederwald in die Hände von Hans Suter in der Erwartung, „dass Sie als alter Sänger und SA-Mann die Interessen des Männerchor Riederwald nach besten Kräften wahrnehmen“. Schon neun Monate später resignierte auch Hans Suter: „Da ich in meinem Bestreben nicht den nötigen Rückhalt gefunden habe, erkläre ich hiermit meinen Austritt.“ Ob sein Rücktritt mit der Tatsache zu tun hatte, dass „der Riederwald in parteilicher Beziehung zum Notstandsgebiet gehört“, wie er in einem Brief vom 29.1.1935 (Empfänger unbekannt) klagte, können wir nur vermuten. Wer in jenen Jahren Mitglied werden wollte musste gleichzeitig schriftlich erklären, dass er sich „rückhaltlos hinter unseren Führer Adolf Hitler stellt“. Kein Wunder, dass dies viele Mitglieder des vormaligen Arbeitergesangsvereins nicht gefiel, die neuen Lieder wollten sie nicht mitsingen: 1934/35 sind zahlreiche Austritte zu verzeichnen, die Zahl der aktiven Sänger halbierte sich offensichtlich.

Bitter auch zu bemerken, dass die ehemalige Schulbaracke am SchulzeDelitzsch-Platz (heute Johanna-Tesch-Platz), in den 20er Jahren Treffpunkt der Riederwälder Arbeiterjugend, nun als Geschäftsstelle der Deutschen Arbeitsfront (D.A.F.) und der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ diente, deren Ortsgruppenführer Herr Niederau war. Auch die S.A. und dessen Sturmführer Franz Pfennig residierte dort.

Kirche

Als Pfarrer der Heilig-Geist-Kirche amtierte ab 1928 Dr. Gg. Heinrich Hörle. Nach dessen Tod folgte ihm 1942 Dr. Wilhelm Kempf (ab 1949 Bischof von Limburg) nach. Die Katholische Gemeinde Heilig-Geist litt seit 1933 immer wieder unter den Übergriffen von NSDAP-Parteigängern und Angehörigen der Hitlerjugend. Die Polizei griff im Übrigen nie ein. Über einen Zusammenstoß mit der Hitlerjugend 10./11.12.1933 beschwert sich der damalige Pfarrer Heinrich Hörle beim Bischöflichen Ordinariat Limburg. Den Bericht schließt er mit der Feststellung:

„Die Entrüstung über die geschilderten Vorgänge in der Siedlung ist groß. Ausserordentlich tief ist naturgemäß die Erregung der Katholiken“. Dabei vergisst er nicht den eilfertigen Hinweis, „die trotz mehrfacher Zwischenfälle wahrhaft positive Einstellung der katholischen Pfarrjugend zum neuen Staat und zur HJ“.

Die Gemeinde wurde in ihrer Tätigkeit immer mehr auf das religiöse Handeln beschränkt. Die Besucher der Gottesdienste mussten hinnehmen, dass die Hitlerjugend ihre Appelle immer auf dem Platz vor der Kirche veranstaltete. Im März 1941 wurde ein Teil der Pfarrerbücherei durch die Staatspolizei beanstandet und beschlagnahmt. 1943 wurde die Bücherei geschlossen und versiegelt. Die beiden größeren Glocken wurden 1941 beschlagnahmt und am 7.Januar 1942 abgenommen. Es steht zu vermuten, dass die Ankündiger eines friedlichen Gottesdienst zu todbringenden Boten umgeschmolzen wurden.

Schule

Augenfälligster und erster Beweis dafür, dass sich durch die Nazis etwas verändern sollte war die Umbenennung der Konrad-Haenisch-Schule (Konrad Haenisch war SPD-Schulpolitiker und ehemaliger preußischer Kultusminister) in Pestalozzischule. Der erst 1929, zum Rektor ernannte Reformpädagoge Wilhelm Wasser wurde 1934 durch Ludwig Richter abgelöst, dem es wohl überzeugender gelang, den Schülern die nationalsozialistische Ideologie „nahezubringen“. Leider haben die Chronisten der Pestalozzischule für die Zeit Nationalsozialismus wenig Worte übrig. Keine Rede davon, dass plötzlich jüdische Mitschüler verschwanden. Und was passierte mit den Kindern aus Sinti und Roma- Familien, die hier die Schule besuchten? Wie reagierte man auf die Tatsache, dass immer mehr Väter und Mütter aus sozialdemokratischen und kommunistischen Familie schikaniert und verhaftet wurden? Bei der Broschüre zur 60-Jahr-Feier 1987 findet diese Zeit überhaupt keine Erwähnung. In der Festschrift 1977 liest man:

„Aus den folgenden Jahren bis zum 2. Weltkrieg kann der Chronist keine hervorstechenden Ereignisse vermelden. Im zentralistisch gelenkten Dritten Reich verlief die Unterrichts- und Erziehungsarbeit wie an allen Schulen unter der strengen Reglementierung nationalsozialistischer Staats- und Weltauffassung.“

Straßenumbenennungen

Oberbürgermeister und Kreisleiter der NSDAP Krebs schreibt am 23.10.1934 an alle Ortsgruppen der NSDAP in Frankfurt:

„Ich ersuche um umgehende Meldung aller Straßen und Plätze im Ortsgruppenbezirk, die nach Nichtariern oder nach dem alten System (z. B. Parlaments-Platz) benannt sind.“

Am 8. November 1934 meldet der Ortsgruppenleiter des Riederwald, Franz Pfennig: „ In der Ortsgruppe Riederwald sind alle Straßen und Plätze, welche nach Nichtariern oder nach dem alten System benannt sind, bereits umbenannt worden.“ Einer war den Recherchen der eifrigen Parteigenossen wohl entgangen. Aber nicht den aufmerksamen Beamten des Bauamtes! In ihrem Antrag vom Februar 1935 wird u.a. die Max-Hirsch-Straße zur sofortigen Umbenennung empfohlen, da Max Hirsch „Nichtarier“ war. Man wählt den Namen Tilsiter Str., denn „im Stadtgebiet sind ostpreußische Ortsnamen vorgesehen“. So wurde aus dem Engelsplatz ein Memeler Platz und auch die Erinnerung an Lassalle wurde durch die Umbenennung der nach ihm benannten Straße in Tannenbergstraße getilgt. Die Iselinstr. konnte ihren Namen behalten: Man stellte fest, dass Isaac Iselin kein Jude war. Biblische Vornamen seien bei den Baseler Calvinisten üblich gewesen.

Herr Walter Sch. aus der Raiffeisenstr. fordert in einem Schreiben (31.05.1938) an den Oberbürgermeister die Umbenennung der Görresstr. wegen „der trüben Rolle, die dieser Mann um die Wende des 18.Jahrhunderts in Deutschland spielte“. Er glaubte die Riederwälder hinter sich

„ Die Riederwälder Bevölkerung würde sich von Herzen freuen, wenn Sie eine entsprechende Änderung vornehmen.“

Der Oberbürgermeister lehnte in diesem Falle ab: Der katholische Literat und Journalist Görres (1776-1848) habe sich Verdienste „für die Einigung der deutschen Stämme und die Schaffung eines deutschen Einheitsreiches während der Befreiungskämpfe erworben“. Als die Verordnung des Reichs- und Preußischen Ministers des Innern: „soweit dies noch nicht geschehen ist, sind sämtliche nach Juden (….) und jüdischen Mischlingen 1. Grades benannten Straßen oder Straßenteile unverzüglich umzunennen“ im August 1938 in Kraft getreten war, hatte die Stadt Frankfurt schon längst alle ihre Straßennamen „arisiert“.

Widerstand

Durch eine Reihe von Verordnungen wurden die verfassungsmäßigen Grundrechte nach und nach aufgehoben. Bereits im Mai 1933 verboten die Nazis, um ihren absoluten Machtanspruch zu sichern, die demokratischen Parteien und lösten die Gewerkschaften auf. Für alle, die trotzdem gegen die faschistische Diktatur opponierten, begann eine lange, angstvolle Zeit, die für viele tödlich endete. Auf den Riederwald – der „roten Hochburg“ in der Weimarer Republik – legten die Nazis natürlich ein besonderes Augenmerk. Hier, wie überall, wurden die bestehenden Arbeitervereinigungen aufgelöst, die Ortsgruppierungen der im Riederwald dominierenden SPD und KPD zerschlagen. Aber bei aller brutalen Konsequenz mit der seitens der Machthaber versucht wurde, ihre Ideologie durchzusetzen, gab es auch im Riederwald Menschen, die Widerstand leisteten. Wir wollen an einige dieser Menschen erinnern:

Otto Dinges

Otto Dinges (geb. 1898), damals wohnhaft in der Motzstr., war Organisationsleiter der Ortsgruppe Riederwald der KPD. Nach dem Verbot der KPD 1933 wurden die Mitglieder der Partei bis 1935 weiter kassiert und es wurden illegale Zusammenkünfte organisiert. Durch einen Polizeispitzel, der sich in die Partei eingeschlichen hatte, ist die Gruppe aufgeflogen. 1935 wurde Otto Dinges verhaftet und zu zwei Jahren Haft verurteilt, die er in Hameln und im Moorlager Papenburg absaß. Mit ihm zusammen sind ca. 12 weitere Riederwälder KPD’ler verhaftet worden. Vielleicht diente er oder einer seiner Genossen Anna Seghers als Vorbild für ihr 1942 erschienenes (und später in Amerika verfilmtes) Buch „Das siebte Kreuz“, in dem sie die Flucht von sieben Häftlingen aus dem KZ Westhofen (bei Mainz). Sechs von ihnen werden sehr schnell wieder gefangen genommen und hingerichtet. Georg Heißler gelingt als einzigem die Flucht; er findet Zuflucht bei einer Familie Kreß im Riederwald. In einer Passage des Buches heißt es:

„Er sah auf die weiße Straße, die die Siedlung durchschnitt. Hinter der Siedlung, die einem allzu reinlichen Dorf glich, sah man Parks oder Wälder. Georg überwältigte ein Gefühl vollkommener Heimatlosigkeit und sofort, fast in einem, ein Gefühl voll stolz..“

So hat auch der Riederwald, wenn auch unter unglücklichen Umständen, Eingang in die Weltliteratur gefunden. Dinges wurde 1943 noch einmal verhaftet und auf sieben Jahre Zuchthaus und sieben Jahre „Ehrverlust“ verurteilt. Zuletzt saß er in einem Gefängnis in Potsdam. Seine Befreiung 1945 schildert er wie folgt: „Viele sind gestorben an Unterernährung, und wenn es noch einige Tage gedauert hätte, wäre ich auch gestorben. Und wir hörten das Schießen näher und näher kommen, und es hieß, die russischen Truppen sind auf dem Vormarsch auf Berlin. Eines Tages fiel uns auf, dass es ganz unheimlich ruhig war, und auf einmal hörten wir rufen „Heil Moskau!“ „Es lebe Stalin!“ und da kamen Rotarmisten und haben zuerst die Frauen im Gefängnis nebenan befreit, und diese haben so gerufen. Und schließlich wurden auch wir befreit.“

Albert Napoleon Simmedinger

1910 in Frankfurt geboren, bezog er mit seinen Eltern 1917/18 eine Wohnung in der Rodbertusstr. im Riederwald. Er erlernte das Handwerk eines Schwachstrominstallateurs. 1931 wurde er erwerbslos und trat etwa zeitgleich der KPD bei. In seinem von ihm 1960 verfassten Lebenslauf stellt er fest:

„Es war selbstverständlich, dass ich als junger Mensch seit 1933 meine politische Aktivität unter neuen Formen verstärkte. Gemeinsam mit kampfwilligen NS-Gegnern, vorwiegend mit Kommunisten, auch Sozialdemokraten, ja auch Antinazi aus katholischen Kreisen organisierte ich mit Anleitung in Ffm. den Kampf gegen die NS-Barbarei. Wir versprachen uns die größten Erfolge durch Aufklärungsmaterial und Widerlegung der NS-Lügenpropaganda in Kreisen der Arbeiter in den Betrieben.“

1935 wurde er, wie Otto Dinges, verhaftet und zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Da er seine politische Tätigkeit in der Haft versucht so gut wie möglich fortzusetzen und dabei verraten wurde, wurde er im Februar statt entlassen zu werden der Gestapo in Frankfurt überstellt, wo er fast ein halbes Jahr in einem Käfig dahinvegetierte. Im August 1941 kam er ins KZ Sachsenhausen bis im April 1945 die Evakuierung des Lagers in Richtung Ostsee vorgenommen wurde. Diesen, für viele Häftlinge tödlich endende Marsch, überlebte Simmedinger gesundheitlich schwer geschädigt.

Erna Heinz, geb. Baumann

Erna Baumann (geb.1910) politisches Engagement wurde durch ihr Elternhaus angeregt. Der Vater war aktiver Gewerkschafter und SPD-Funktionär. Er wurde 1933 im Zuge des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ als Beamter entlassen. Die Tochter engagierte sich zunächst bei den Freien Turner, bevor sie 1927/1928 der Gewerkschaft ZdA (Zentralverband der Angestellten) und der SAJ ( Sozialistische Arbeiterjugend, Jugendverband der SPD) beitrat, später dann zum SJV (Sozialistischer Jugendverband, der Jugendverband der SAP, einer linken Abspaltung der SPD) wechselte. Erna Baumann arbeitete zusammen mit Fritz Eisenacher, Heinrich Tornau, Ruth Adler und Louis Minor in einer Fünfer-Gruppe konspirativ weiter. Sie erstellten und verteilten u.a. Material. Die Gruppe (bis auf Minor, dieser trat während des Prozesses als Zeuge auf) wurde im Winter 1938/1939 verhaftet. Ihnen wurde am 25.August 1939 gemeinsam der Prozeß gemacht. Die Anklage lautete auf „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“. Erna Baumann wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Ihre Freundin Ruth Adler kam nach dem Verbüßen der Haft in ein KZ und wurde dort umgebracht. Sie schrieb einen letzten Brief an ihre Freundin: „Jetzt kommt bald die große Reise…“. Frau Baumann kehrte nach der Haft 1942 in die Max-Hirsch-Str. zurück, musste sich aber regelmäßig in der Gestapo-Zentrale in der Lindenstr. melden. Ihr Tun und Handeln wurde nach wie vor kritisch beäugt.

Judenverfolgung

Eine der unmenschlichsten und brutalsten Äußerungsformen des National-sozialismus war die Verfolgung und schließlich Ermordung großer Teile der jüdischen Bevölkerung. Vor 1933 lebten 25.000 Bürger mit jüdischem Glauben in Frankfurt. Frankfurt war damit hinter Berlin die Stadt in Deutschland mit der größten jüdischen Gemeinde. Durch eine Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen wurde die „Endlösung der Judenfrage“, die systematische Ausrottung der Juden, konsequent vorbereitet. Die erste Deportation ins Ghetto nach Lodz umfasste 1200 Juden. Man holte die Menschen frühmorgens aus ihren Wohnungen und führte sie zu Fuß zur Großmarkthalle. Dies geschah in aller Öffentlichkeit. Es folgten weitere Deportationen, die letzte am 8. Januar 1944. Insgesamt wurden 9415 Personen aus Frankfurt am Main deportiert. Über 700 Frankfurter Juden entzogen sich der Deportation durch Selbstmord.

Auch im Riederwald lebten jüdische Mitbürger, die der Diskriminierung und Verfolgung durch die Nazis und einzelne Mitglieder der sog. „deutschen Volksgemeinschaft“ ausgesetzt waren. So beschwert sich am 7.5.1934 der Ortsgruppenleiter der NSDAP bei seiner Kreisleitung darüber, dass zwei Sportplätze im Riederwald an jüdische Sportvereine vermietet wurden mit den Worten

„…Von einer großen Anzahl Bewohner [!] aus dem Riederwald wurde ich gestern Abend und heute morgen schon mit Protesten überschüttet (…)Die Bevölkerung empfindet es als unerhörte Provokation, dass die Juden ausgerechnet in den Riederwald verpflanzt wurden. Nach vieler Mühe und Arbeit war es mir endlich gelungen, wenigstens etwas Ruhe und Frieden in den Riederwald, der jahrelang ein Hexenkessel war, zu bringen und wird diese Arbeit dadurch, dass das Stadtbauamt [gemeint ist wohl: Stadtsportamt] die Juden ausgerechnet nach dem Riederwald verpflanzt, vollkommen über den Haufen geworfen… „

Diesem Brief war die Eingabe eines „Volksgenossen“ beigefügt, der deutlich macht, welcher Grad der Verblendung und Dummheit bereits ein Jahr nach der Machtübergabe an Hitler um sich gegriffen hatte; Menschenverachtung, die ein paar Jahre später in Massenvernichtung münden sollte:

„…Die deutschen Volksgenossen vertreten den Standpunkt, dass sie nicht etwa in dem Riederwald wohnen und die z.T. erheblichen Mieten bezahlen, weil evtl. ein Herr der A. G. für Kleine Wohnungen oder vom Volks- Bau- und Sparverein so schöne blaue Augen hat, sondern dass sie dort wohnen, weil sie glaubten, am Feierabend und Sonntag sich mit den Ihren in dem prachtvollen Wald, mit deutschen Eichen bepflanzt, tummeln zu können. Es scheint aber, wie sich jetzt zeigt, ein Irrtum vorzuliegen; das wundervolle Gelände ist ein Pachtdomän von Juda, und ungestraft kann sich ein deutscher Volksgenosse nicht darin bewegen, wie es ihm beliebt“

Wir möchten an dieser Stelle beispielhaft an einige Bürger jüdischen Glaubens erinnern, die im Riederwald bis zu ihrer Deportation lebten:

  • Max und Bertha Ochs, geb. Hessenberger, Kaufleute (Schulze-Delitzsch-Straße 14), wurden mit ihren Kindern Edgar (17 Jahre) und Irmgard (18 Jahre) am 22.11.1941 gemeinsam mit fast 1000 anderen Juden nach Riga deportiert. Die Familie gilt als verschollen.
  • Leopold Ullmann, Kaufmann, Lassallestraße. 3, beging unmittelbar nach der Pogromnacht aus Verzweiflung Selbstmord
  • Hermann Salomon, Buchdrucker (Schulze- Delitzsch-Platz 23, heute Johanna- Tesch-Platz 23), wurde in das KZ Theresienstadt verschleppt. Er hat das KZ überlebt und kehrte 1945 zurück. Von 1946 bis 1948 gehörte er dem ersten Magistrat der Stadt Frankfurt an.
  • Martha Scheu, geb. Gottlieb, Max-Hirsch-Str. 18, wurde ebenfalls nach Theresienstadt deportiert und kehrte 1945 zurück.

Cäcilie Breckheimer

Die Geschichte von Cäcilie Breckheimer wollen wir etwas ausführlicher erzählen: Cäcilie Breckheimer wurde am 29.1.1895 als Tochter von Sara und Samuel Segalowitsch aus Wilna (Polen) geboren. Mit neun Jahren zur Vollwaise geworden, kam sie in ein Waisenhaus nach Bad Ems und anschließend in ein Mädchenstift nach Frankfurt. Sie schloss die Volksschule ab und absolvierte eine Lehre als Schneiderin. Danach baute sie ihre Fremdsprachenkenntnisse aus und bekam eine Anstellung als Stenotypistin in der Auslands- und Wirtschaftsabteilung der Frankfurter Zeitung. 1922 heiratete sie Wilhelm Breckheimer, den sie durch ihr politisches Engagement bei der SAJ (Sozialistische Arbeiterjugend) und der SPD kennengelernt hatte. Mitglied der Jüdischen Gemeinde ist sie seitdem nicht mehr gewesen. Kurz darauf bezogen sie im Riederwald in der Raiffeisenstr.25 eine Wohnung. Auch nach der Geburt ihres Sohnes Wolfgang im Jahre 1926 blieb sie berufstätig. Am Vormittag des 9. November 1938 erhielt die Familie „Besuch“ von der Polizei. Obwohl Cäcilie bekannte, Jüdin zu sein, blieb sie vor der Verschleppung zunächst verschont, da sie in privilegierter Ehe mit einem Arier lebte, wie es im Nazijargon hieß. 1941 wurde sie, wie alle noch nicht verschleppten Juden, dienstverpflichtet. Am 8. Februar 1943 wurde sie zur Geheimen Staatspolizei in die Lindenstraße vorgeladen. Zuvor hatte die Familie überlegt, ob Cäcilie nicht besser untertauchen sollte. Man bat die Pfarrer der evangelischen und katholischen Kirchen im Riederwald vergeblich um Hilfe. Drei Monate verbrachte sie im Frauenpolizeigefängnis, von wo aus sie ins Konzentrationslager Auschwitz transportiert wurde. Mit Datum 18. August 1943 erreicht die Familie ein Brief der Kommandantur, darin heißt es

„Ihre Ehefrau ….ist am 26.07.1943 an den Folgen von allgemeiner Körperschwäche im hiesigen Krankenhaus gestorben“.

Verfolgung von Sinti und Roma

Bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Leben für die im Deutschen Reich lebenden Sinti und Roma immer stärker reglementiert und eingeschränkt. Daran änderte sich nach der Machtübergabe an Hitler nichts, im Gegenteil

„ Die von den Nazis als fremde und minderwertige Rasse eingestuften Sinti und Roma sollten in ihren Lebensmöglichkeiten eingeschränkt, kontrolliert und systematisch erfasst werden, um erbbiologische und wissenschaftliche Forschungen an ihnen vornehmen und ihre spätere Deportation in Vernichtungslager vorbereiten zu können“.

Über die Einrichtung von sog. Zigeunerlagern wurde in Frankfurt bereits um 1930 diskutiert – ausgelöst durch massenhafte Beschwerden aus der Bevölkerung. So berichtet Ortsgruppenleiter (L.S.), Görresstr. 55) am 16. November 1936 an den Polizeipräsidenten.:

,,…man kann jetzt auch öfter sehen, wie die Zigeuner mit Holz aus dem Enkheimer Wald kommen“. Es sei ein Warnschild „Bürger schützt Euren Wald“ aufgestellt worden. „Diese Ermahnung“, so führt er weiter aus, „ wird zwar von allen Volksgenossen Folge geleistet, nicht aber von diesem Zigeunerpack. Wir bitten Sie daher, wenn irgendmöglich noch in diesem Jahre das Zigeunerlager in eine andere Gegend zu verlegen. Die Bewohner des Riederwald würden aufatmen.“

Im Januar 1937 entschied die Stadt auf Vorschlag von Oberbürgermeister Krebs über die Einrichtung eines „Zigeunerlagers“ an der Dieselstraße mit dem Ziel der „Zusammenfassung aller im Stadtgebiet verstreut lagernder Zigeuner in einem Zigeunerlager, damit einerseits die Klagen der Anlieger, hauptsächlich über das Benehmen der an der Kruppstraße befindlichen Zigeuner verstummen, andrerseits eine bessere polizeiliche Überwachung der Zigeuner stattfinde“. Am 18. August 1937 wurde das Lager von den ersten Familien bezogen. Das Lager war mit Stacheldraht umzäunt. Als Unterkünfte dienten umgebaute Möbelwagen, in denen bis zu drei Familien untergebracht waren. Gewalttätigkeiten und Misshandlungen waren an der Tagesordnung. Das Lager an der Dieselstr. wurde 1942 geräumt, weil das Gelände für industrielle Zwecke gebraucht wurde. In der Kruppstraße 14 wurde ein neues Lager errichtet. Kinder aus Sinti und Romafamilien waren zwangsweise in der Riederwaldschule eingeschult worden und „erfreuten“ sich dort einer „Sonderbehandlung“. Mit sog. arischen Kindern durften sie nicht in einer Bank sitzen. Die Chronik der Heilig- Geist- Kirche berichtet, dass 1944 „18 Zigeunerkinder zur Kommunion geführt wurden“. Aber für die meisten Familien war das Lager nur Zwischenstation auf dem Weg ins Vernichtungslager Auschwitz

Zwangsarbeiter

Während des 2. Weltkriegs gab es in Frankfurt 217 Lager und lagerähnliche Unterkünfte für ausländische Zwangsarbeiter. Von Beginn des Krieges bis zur Befreiung durchliefen ca. 8-10.000 Menschen diese Lager.

„Die Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften wurde während des Nationalsozialismus zu Beginn als „Freiwilligenwerbung“ deklariert, mit fortschreitendem Arbeitskräftemangel, vor allem in der Rüstungsproduktion, kam es zur Zwangsrekrutierung, besonders in Polen und der Sowjetunion.“

Ernährung und Unterbringung waren in vielen Fällen völlig unzureichend. Trotzdem mussten die Menschen meist acht Stunden am Tag und mehr Schwerstarbeit vollbringen. Frau Elli Hahnemann, damals wohnhaft Am Erlenbruch 84 beschreibt ihre Erlebnisse bei einem Bombenangriff am 25.2.1944 „Ich bin an dem morgen bei uns aus dem Keller raus und hatte nur meine Tasche dabei. Bin über den Spielplatz und den Engelsplatz gerannt zum kleinen Bunker. Da hatten sie die Tür schon zugehabt und da habe ich gesehen, wie sie in breiter Front hier eingepflogen sind. Ich habe gegen die Tür geklopft und da hat der Knauf die Tür aufgemacht: „Was ist denn los?“ „Lassen Sie mich noch rein und hier stehen noch ein paar Russenmädchen, lassen Sie die auch rein“. „Herein nur sie, und die nicht“. Ob die nun umgekommen sind, das weiß ich nicht“. Auf die Nachfrage woher die jungen Frauen denn gekommen sein, antwortete Frau Hahnemann

„Die haben geschafft, sie waren dienstverpflichtet. Wo die herkamen weiß ich nicht. Die hat keiner reingelassen. Sie haben da hinten gewohnt und sind morgens immer vorbeigelaufen. Sie waren ganz in Lumpen.“

Aus einem Verzeichnis, das die Deutsche Arbeitsfront (DAF) 1943 erstellte geht hervor, dass die Arbeitsgemeinschaft des Frankfurter Kohlenhandels e.V. in Volkshaus (damals Tilsiterstr. 34, heute wieder Max-Hirsch-Str.) ein sog. Arbeitswohnlager unterhielt. In diesem Lager „wohnten“: 57 Polen, 41 Ukrainer und 2 „Andere“.“ Weitere Lager im bzw. in näherer Umgebung des Riederwaldes : Borsigallee 13, eingerichtet von der Industrie- und Handelskammer. Es beherbergte „5 Franzosen, 52 Litauer, 57 Ukrainer, 33 Russen, 1 Tartar“ Motzstr.22 (Gaststätte Schmitt), Gemeinschaftslager mehrerer Unternehmen von Juni 1934-1945, 80 Personen, Eintrachtsportplatz (Lager von Autoschaum-Frankfurt), dort waren 25 Ukrainer untergebracht.

Heeresmusikschule

Die Heeresmusikschule in der Schäfflestr. (die frühere Riederwaldschule, heute beherbergt der rechte Gebäudeflügel die Sporthalle der SG Riederwald, der linke Gebäudeflügel die Sparkasse, der mittlere Gebäudeteil existiert nicht mehr) wurde am 18. September 1941 in einer Feierstunde unter Anwesenheit von Vertretern der Wehrmacht, der NSDAP des Deutschen Reiches und der Stadt Frankfurt a. M. eröffnet. Geplant war offensichtlich „nach dem Krieg“ auch eine Musikschule der Marine und der Luftwaffe nach Frankfurt zu holen. In einem Artikel der Frankfurter Zeitung vom 21.2.1942 liest man:

„ Die Heeresmusikschule hat sich in einer früheren Schule in der Riederwald- Kolonie eingerichtet, in der Nähe des Waldes und seines schönen großen Sportplatzes, auf dem sich gut marschieren und turnen und noch besser spielen lässt.“

In der Schule waren ca. 160-180 Schüler ab 14 Jahren kasernenmäßig untergebracht. Die Jugendlichen hatten sich zu einem 4jährigen Lehrgang und anschl. 12-jährigen Heeresdienst verpflichtet. Trotz Bemühungen beim Militärarchiv in Freiburg ist es bisher nicht gelungen, nähere Informationen über die Heeresmusikschule zu erhalten. Es liegt nahe, dass die Unterlagen im Krieg zerstört wurden.

Der zweite Weltkrieg und seine Folgen

Die „Eroberung neuen Lebensraums“ und die damit beabsichtigte Vergrößerung der Absatzmärkte für die deutsche Industrie wird zum vordringlichen Ziel der nationalsozialistischen Außenpolitik. Am 1. September 1939 überfällt die deutsche Wehrmacht Polen – der zweite Weltkrieg hatte begonnen. Die Bilanz des Krieges: 56.300.000 Tote. Zwischen Juni 1940 und März 1945 erfolgten 54 Luftangriffe und 15 Tieffliegerangriffe auf Frankfurt. 5.559 Zivilisten kamen ums Leben. 3/4 aller Gebäude wurden mehr oder weniger zerstört. Zwölf dieser Luftangriffe innerhalb eines Zeitraums vom 4. Oktober 1943 bis zum 9. März 1945 bedrohten und trafen auch den Riederwald. Am 4. Oktober 1943 verloren 800 Riederwälder ihre Wohnung. Am 22. Oktober noch einmal 700. Kirche, Pfarrhaus und Schwesternhaus der Heilig-Geist-Kirche wurden schwer getroffen. Am 24. März 1944 wurde auch die Riederwaldkirche der evangelischen Gemeinde vollständig zerstört. Die Riederwaldschule in der Schäfflestr. war vollständig zerstört, Klassenräume in der Pestalozzischule ausgebrannt. Bilanz am Ende des Krieges: von den 678 Gebäuden in der Siedlung sind nur 20 heil geblieben.

Quelle: Nachdruck mit redaktionellen Änderungen der Publikation „100 Jahre Riederwald“, erarbeitet von der Riederwälder Geschichtswerkstatt in den Jahren 1990-2000, herausgegeben vom Riederwälder Vereinsring aus Anlass des 100-jährigen Bestehens des Stadtteils Riederwald im Jahr 2011.