Frankfurt erweitert sich nach Osten

Dass es die Siedlung Riederwald heute überhaupt gibt, verdankt sie der Tatsache, dass sich die Stadt Frankfurt Ende des 19. Jahrhunderts bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts entschloss, den Osten der Stadt als Industriegebiet auszubauen.

Bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts war die Industrie in Frankfurt eindeutig unterentwickelt. Dann siedelte sich eine Reihe von Betrieben, hauptsächlich der Metall verarbeitenden und elektrotechnischen Branche in Frankfurt an, die aber innerhalb des Frankfurter Stadtgebiets bald keine Möglichkeit mehr fanden, ihre Produktion räumlich auszuweiten. Viele Betriebe verlagerten deshalb ihre Produktionsstätten in die umliegenden Gemeinden. Das Ziel von Franz Adickes (Oberbürgermeister von 1891-1921) war es, der Industrie und dem Handel zukünftig in Frankfurt einen Standort zu verschaffen. Unter ihm gelang es, Bockenheim (1895), Niederrad, Oberrad und Seckbach (alle 1900) und 1910 Berkersheim, Niederursel, Praunheim, Preungesheim und Rödelheim einzugemeinden, so dass die ausgewanderten Betriebe wieder zu Frankfurter Unternehmen wurden. Mit großem Nachdruck setzte er sich für die Aufstellung eines Generalbebauungsplans für den Frankfurter Osten ein (1909), dessen Herzstück der Bau des Osthafens war.

Das hierin neu geplante Ostend (zwischen der Bebauungsgrenze der Stadt des 19. Jahrhunderts und der Gemarkungsgrenze der damals noch selbständigen Gemeinde Fechenheim) umfasste eine Fläche, die in ihrer Größe fast dem gesamten, gegen Ende des 19. Jahrhunderts bebauten Stadtgebiet von Frankfurt ohne Sachsenhausen entsprach. Mit der Verwirklichung dieses Vorhabens sollte es Frankfurt endlich gelingen, sich einen wettbewerbsfähigen Platz unter den deutschen Industriemetropolen zu erkämpfen

Der Westhafen war schon bald nach seiner Eröffnung im Jahre 1886 an seine Kapazitätsgrenze gelangt; an seinem Standort aber gab es keine Erweiterungsmöglichkeiten. 1907 schließlich begann der Bau des neuen Hafens im Osten. Bei den Ausschachtungsarbeiten entdeckte man den Beweis dafür, dass schon um 2000 vor Christus die Gegend um die Mainfurt besiedelt gewesen sein musste. Ein ganzes Dorf, bestehend aus 40 großen und kleinen Wohngruben sowie sieben Brandgräber, alle mit Kieselschmuck ausgestattet, wurden freigelegt und versanken alsbald wieder in den Fluten des Mains. 

Zur Ausführung gelangten ein Unterhafen und ein Oberhafen. Die Ufer waren für gewerbliche Nutzung reserviert. Zwischen dem nördlichen Hafenbecken und dem neuen Ostbahnhof (er musste weiter nach Norden verlegt werden) entstand ein ca. 220m breites Gewerbegebiet. Dieses war in Längsrichtung durchschnitten von der neuen Trasse der Hanauer Landstraße. Schon immer Hauptverkehrstraße von Frankfurt nach Osten, zog sie sich bisher kurvenreich durch das für den Osthafen vorgesehene Gelände. Der nun geplanten Gradlinigkeit der Straße stellten sich aber die Riederhöfe in den Weg. Dem Amt für Denkmalschutz gelang es, die Riederhöfe zu retten, die Hanauer Landstraße musste nördlich davon vorbeigeführt werden. Als Ergänzung der Straßenbauten verlangte die Erschließung des Osthafengebiets eine ganze Reihe von Brückenbauten. Außer dem Schwedlersteg und der Ratsbrücke baute die Stadt die Lahmeyerbrücke, die Schmickbrücke und die Honsellbrücke.

Schon seit 1910, also vor der eigentlichen Eröffnung des Osthafens, entstanden entlang der neu trassierte Hanauer Landstraße die ersten Fabriken und Geschäftshäuser. Eine davon war die Fabrik von Voigt & Haeffner, in der später viele Riederwälder Arbeit fanden. Die offizielle Eröffnung des Osthafens fand am 23.5.1912 mit einem großen Volksfest statt.

Das Seckbacher Industriegebiet

Da auch der Geländezugewinn im Osthafen das starke Interesse der Industrie an preiswertem Gewerbegebiet nicht befriedigen konnte, wurde 1908 beschlossen, auch die Flächen nördlich der Hanauer Bahnlinie auf Seckbacher Gemarkung für eine Industrieansiedlung herzurichten. Die Firma J.S. Fries erbaute 1910 hier zunächst eine Kessel-und Behälterbauhalle. Mit der Verlegung der Maschinenabteilung 1929 in die (heutige) Friesstraße, war nun das gesamte Werk hier ansässig. Die Firma Fries war mit ihren Stahlhoch und Brückenbauten sowie den Eisenkonstruktionen in der ganzen Welt bekannt und zudem eines der ältesten Industrieunternehmen in Frankfurt (seit 1748). Sie baute 1846 die erste Dampfmaschine und im Jahre 1868 den „Eisernen Steg“.
Die Firma Fries blieb bis 1920 der einzige nennenswerte Fabrikhochbau; auf den meisten der verkauften oder vermieteten Grundstücke waren zunächst nur Lagerplätze eingerichtet.

Die Entstehung neuer Wohngebiete

Parallel zu der Erschließung der neuen Industriegebiete erkannte man als wichtigstes Problem die Beschaffung von Wohnraum für die in den Industriegebieten Beschäftigten. In dem Generalbebauungsplan von 1909/1910 waren deshalb auch die bis dahin noch unbebauten Flächen östlich der Rückertstraße zwischen Röderbergweg und Sonnemannstraße, das Areal östlich der Luxemburgerallee, Wittelsbacherallee, Pestalozzistraße und Seckbacher Landstraße sowie das ganze Gebiet zwischen dem Riederwald im Süden und dem Industriegebiet Seckbachs im Norden als Wohngebiete ausgewiesen. Als Naherholungsgebiet plante man den großen „Ostpark“. Mit seinen ausgedehnten Wiesenflächen, einem großen Weiher und dem Zentral-schulgarten war er, 1911 fertiggestellt, der erste wirkliche Frankfurter Volksgarten. 1910 begann der Volks- Bau- und Sparverein, die damals größte Baugenossenschaft Hessens, mit dem Bau der ersten Häuserblocks am Erlenbruch und dem damaligen Schulze-Delitzsch-Platz (heute Johanna-Tesch-Platz).

Quelle: Nachdruck mit redaktionellen Änderungen der Publikation „100 Jahre Riederwald“, erarbeitet von der Riederwälder Geschichtswerkstatt in den Jahren 1990-2000, herausgegeben vom Riederwälder Vereinsring aus Anlass des 100-jährigen Bestehens des Stadtteils Riederwald im Jahr 2011.