Das kann die Gartenstadt – Ein Plädoyer für mehr Freiraum im freien Raum

„Wo lässt sich heute noch einigermaßen bezahlbarer Wohnraum finden der so viel Grün bietet?“ Die leidenschaftliche Riederwälderin schwärmt geradezu und weiß ihre Umgebung zu schätzen. Weitläufige Wiesenflächen, alter Baumbestand, liebevoll und vor langer Zeit von den Bewohnerinnen und Bewohner angelegte, botanische Augenweiden vor und hinter den Häusern.

Der Riederwald – ein fast unwirklich daherkommendes Idyll in der Großstadt. Unwirklich ja, denn der Schein trügt. Was vor zwanzig Jahren noch selbstverständlich war und den hiesigen Wohnungsbaugesellschaften keine Bauchschmerzen bereitete, wird heute gedeckelt, restriktiv unterbunden, verboten. Gärtner in Eigeninitiative, so scheint es, ist nicht mehr erwünscht. Alles läuft nach Plan. Kostengünstig und zeitsparend. Da haben die Bedürfnisse der Bewohnerschaft nur wenig bis gar keinen Platz. Individualität birgt, so die Vermutung, zu viel optische Unruhe. Wiesenflächen werden im Drei-Wochen-Intervall zurechtgestutzt. Vielfältige Wiesenblumen, schön anzusehen und wichtig beispielsweise für Bienen, haben da wenig bis keine Chance. Schneisen werden geschlagen. Nichts ist mehr verwinkelt. Keine Ecken und Kanten. Ganz im Gegenteil. Alles wirkt gleich. Charme- und charakterlos. Dies das neue Bild des Riederwalds nach den üppigen Sanierungsmaßnahmen stadtteilweit.

Das Prinzip einer Gartenstadt, zumindest lässt sich dies vielfach nachlesen und erscheint durchaus plausibel, ist ein anderes. Die Gartenstadt charakterisiert sich durch Individualität. Ihre Bewohnerinnen und Bewohner stiften ihr eine ganz eigene Identität. Die (Mit-)Gestaltung eines jeden einzelnen schafft ein identifizierendes Gefühl im und zum Quartier. Der Bezug zur unmittelbaren Umgebung ist geprägt von einer Art positiven und fürsorglichen Bindung. Freiräume, wie es sie im Riederwald gibt, öffnen Chancen für soziale Aktivitäten und vielfältige Möglichkeiten der Nutzung, Mitgestaltung, Pflege und Aneignung. Und diese Chancen sind nicht unbedeutend für die Siedlung Riederwald. Ganz im Gegenteil: Beim gemeinschaftlichen Gärtner auf angeeigneten Flächen an den Häusern tauscht man sich aus, erfährt gegenseitige Hilfe, lernt einander kennen, baut Vorurteile und Hemmnisse ab. Ein unverzichtbares Gut für positive nachbarschaftliche Strukturen.

Der Volks- Bau- und Sparvereins eG hat dieses Potential womöglich erkannt und schlägt nun neue Wege ein. Ein in diesem Jahr gestartetes Pilotprojekt gemeinsam zu bewirtschaftender Hochbeete auf den Grünflächen der Häusern sollen den Riederwälderinnen und Riederwäldern wieder mehr freie Hand bei der Gestaltung ihrer unmittelbaren Umgebung geben. Die bisher wenigen Exemplare lassen sich bei einem Streifzug durch den Stadtteil bestaunen. Es ist beeindruckend anzusehen, was daraus erwachsen ist.

Der Riederwald – ein Frankfurter Juwel, den nur die wenigsten kennen. Bewohnerinnen und Bewohner hegen und pflegen ihre kleinen Areale mit Hingabe. Ob vor dem Haus oder dahinter: Das einst normale und geduldete nachbarschaftliche Gärtner auf den vielen Wiesenflächen macht das Quartier auch heute noch  zu einem wundervollen und besonderen Ort. Dies jetzt einzuschränken oder gar zu verbieten wäre kontraproduktiv, und zwar in vielerlei Hinsicht. Darüber gilt es nachzudenken und zu beraten. Die Wohnungsbaugesellschaften sollten sich mit den neuen Konzepten der „Gartenstadt“ auseinander setzen und zumindest Teile davon in ihrer Philosophie implementieren.

Freiraum bedeutet nicht Anarchie. Mitgestaltung dagegen Verantwortung. Mein Plädoyer für mehr Freiraum im freien Raum.

 

Dieser Artikel ist der Riederwälder Anwohner- und Nachbarschaftszeitung „RAZ“ entnommen. Zum Archiv der „RAZ“ geht es hier entlang.