Vom Riederwald in die weite Welt

Norbert Kern, geb. 26.7.1940, lebt heute mit seiner zweiten Frau Heide in Dietzenbach. Geboren wurde er als siebtes von insgesamt neun Geschwistern (4 Jungen, 5 Mädchen) im Riederwald, genauer gesagt in der Motzstr. 20 (EG). Und zwar wortwörtlich: alle Kinder wurden in der elterlichen Wohnung von der gleichen Hebamme, Frau Kluth, zur Welt gebracht. Er besuchte die Pestalozzischule und dann die Brüder-Grimm-Realschule.  1959 schloss er eine Lehre als Speditionskaufmann ab. Bei seinen Eltern lebte er bis zu seiner Hochzeit im Dezember 1962

1967 gründete er eine eigene Spedition in Dietzenbach.(Norbert H. Kern Internationale Spedition) Diese hatte weltweit Filialen – in Hong Kong, Taipei, Süd-Korea, Japan, Philippinen,  Südafrika neben Filialen an allen deutschen Flughäfen und Seehafen Hamburg. Man beschäftigte letztendlich 630 Mitarbeiter. Die Firma fusionierte 1982 mit Haniel und Norbert blieb bei AIR Haniel – Kern bis 1985 als Geschäftsführender Gesellschafter tätig. 1985 wechselte er in den Vorstand zu Kühnel & Nagel in der Schweiz, wo er für den weltweiten Luftfrachtbereich zuständig war. 1990 starb seine Frau Matze nach 29-jähriger Ehe . 1991 kam das Angebot der Deutschen Bundesbahn Mitglied des Vorstands für den Güterverkehr zu werden. Er wechselte 1991 dorthin und blieb bis 1994. Er machte während seiner Tätigkeiten  Bekanntschaft mit mehreren Politikern. 

Danach war er bis vor ca. 7 Jahren als freier Berater u.a. für General Motors EMD (Lokomotivbau) und in einigen Verwaltungsräten und Aufsichtsräten tätig. Nachdem er den dritten Herzinfarkt überlebte, versprach er seiner Frau Heidi, endlich kürzer zu treten.

2007 unternahm er ausgedehnte Expeditionsreisen an den Südpol  und Nordpol. Es folgten noch Grönland ( 2008). Über diese Expeditionen schrieb er zwei Bücher.

2011 folgte die Besteigung des Kilimandscharo. Dann bereits mit zwei neuen Hüftgelenken.

Besonders stolz ist er darauf, dass es ihm mit seinem chinesischen Freund und Expeditionspartner Jin Feibao gelungen ist, eine Städtepartnerschaft zwischen Dietzenbach und Feibao´s Heimatstadt Kunming zu organisieren.

Im Guinnessbuch der Weltrekorde wird Norbert als älteste Person, die je mit den Skiern beide  Pole in einem Jahr erreichte, geführt.

Wann sind Deine Eltern in den Riederwald gezogen und was machten sie beruflich?

Meine Eltern sind 1925 in den Riederwald gezogen. Mein Vater Carl war Bankkaufmann und meine Mutter Berta Schneidermeisterin. Was bei neun Kindern sehr praktisch war. Aus jedem Lappen hat sie etwas schneidern können. Die Kleidung konnte dann immer an den nächst Jüngeren angepasst werden. Damals hat die Wohnung unter 40 Mark gekostet. Mein Vater hat gerade mal 240 Mark verdient.

Wie habt ihr mit insgesamt 11 Personen in der Motzstraße 20 gelebt?

Unsere Wohnung lag im Parterre und war 56 qm groß, zusätzlich hatten wir eine Mansarde. Hier schliefen die Zwillinge Marianne und Berti . Während der Kriegszeit schliefen wir oft zu viert oder fünft im Ehebett.1949 kam dann noch eine zweite Mansarde dazu, in der ich mit meinem Bruder  Dieter schlief. In der Mansarde stand nur ein Bett. Die Mansarde war zu klein für zwei Betten.

Welche Kindheits- und Jugenderinnerungen sind Dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Sobald es wärmer wurde, konnten wir unseren Lebensbereich ins Freie erweitern:  über ein „Treppchen“ gelangte man vom Vorgarten direkt in die Wohnung. Hier trafen sich neben Familienmitgliedern oft auch Freunde und Mannschaftskameraden. Mutter Kern backte zum Wochenende oft 6-7 „Bleche Kuchen“. Jede(r) war eingeladen. Über 10 Personen waren keine Ausnahme!

Wir hatten zwei Schrebergärten hinter dem damaligen Bahndamm in der Nähe der Harkortstrasse. Diese sorgten für Gemüse und Obst über das gesamte Jahr.

In unserem Mini-Vorgarten hielten wir bis Ende der 1950er Jahre Hühner, Enten und Hasen. Zum Einen um für Eier und natürlich dann auch Fleisch selbst zu sorgen. Nachts kamen die Tiere in den Keller, um nicht geklaut zu werden. Ich erinnere mich auch daran, dass wir die Zwetschgen aus den Schrebergärten viele Stunden in der Waschküche im Waschkessel gerührt haben, um wunderbaren „Ladwersch“ ( Pflaumenmus) , herzustellen.

Ab meinem 10ten  Lebensjahr habe ich auf der Kegelbahn in unmittelbarer Nähe zur Motzstrasse 20 fast täglich Kegel aufgestellt. Ich verdiente 3,50 DM, für dreieinhalb Stunden Schwerstarbeit. 2,50 DM gingen an die Familie, eine DM durfte ich für mich behalten.

Handballspielen habe ich bei der SG Riederwald gelernt. Eine ganz wichtige Rolle spielte dabei Walter Richter (die Turnhalle in der Schäfflestr. trägt seinen Namen). Walter hat später meine Schwester Berti geheiratet.

Direkt nach der Hessenmeisterschaft der A-Jugend der SG Riederwald wechselte ich zu den Offenbacher Kickers in die damals höchste Spielklasse (Handball-Oberliga), 1962 dann zur SG Dietzenbach in die Bundesliga.

Ich erinnere mich auch, dass es im Torbogen in der Schäfflestr eine Metzgerei gab. Immer an den wöchentlichen Schlachttagen holten wir uns die „Wurstsuppe“, die mit Kartoffeln oder Nudeln verlängert wurde. Ganz wunderbar!

Hier gab es auch einen Fischladen. Jeden Freitag zauberte Mutti aus gesalzenen Hering mit den Innereien einen tollen Heringssalat. Davon  träume ich heute noch.

Eng befreundet war ich neben anderen mit Bernd Scheuer (dem Vater von Joachim). Mit ihm habe ich einige Fahrradtouren gemacht und die eine oder andere „dumme Mutprobe“ bestanden.

Auch meine erste Liebe habe ich im Riederwald kennengelernt.

Wie hat Deine Familie den Krieg und den Nationalsozialismus überlebt?

Mein Vater war Mitglied in der KPD bis zu deren Verbot in den fünfziger Jahren.

Er kam als Kriegsgefangener 1916 nach  Murmansk. Von dort meldete er sich mit vielen anderen Kriegsgefangenen 1917 freiwillig zur Oktoberrevolution. 1918 sind sie zu viert geflüchtet, drei überlebten die Flucht. 1920 kam mein Vater wieder zurück nach Frankfurt.

Immer wieder bat meine Mutter seine politischen Aktivitäten einzustellen. Aus Rücksicht auf die grosse Familie.

Meine Brüder Fritz und Otto mussten als 18- beziehungsweise 16-Jährige in den Krieg ziehen. Fritz habe ich dann eigentlich erst kennengelernt, als er mit schwerer Verletzung,  fast als Krüppel, aus dem Lazarett zu Hause ankam. Er wurde im Kampf um Montecasino verletzt. Otto kehrte 1947 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft (Salt Lake City) zurück. 1945 wurde Otto von den Amerikanern in Frankreich gefangengenommen.

1943 wurden meine Mutter mit sieben Kindern nach Climbach evakuiert. Mein Vater hielt sich in den Schrebergärten versteckt. Manchmal gelang es ihm, uns heimlich in Limbach zu besuchen.

Eng befreundet waren meine Eltern mit Otto Dinges ( Organisationsleiter der KPD Riederwald, 1935 erstmals zu zwei Jahren Haft verurteilt, 1943 ein zweites Mal). Nach Kriegsende traf er sich mit anderen Parteifreunden oft bei uns zu Hause.

Eine weitere besonders schlimme Erinnerung an diese Zeit war für mich die Krankheit (Lymphdrüsenkrebs) meiner ältesten Schwester Hildegard von Ende 1944 bis zu ihrem Tod im November 1945. Später, im Konfirmandenunterricht, teilte man uns mit, dass Gott nur Gutes tut. Hier wollte ich vom Pfarrer wissen,  warum er meine Schwester so früh sterben liess. Antwort: „Der liebe Gott wird schon wissen warum!“ Ich war entsetzt. Später habe ich erfahren, wie sich Pfarrer P. während des Kriegs benahm und dabei offensichtlich nie Hunger litt. Sein Leibesumfang wurde auch während des Krieges immer größer. Vater wollte gewusst haben, dass er sich mit den Nazis arrangiert hatte. Und Vater Kern muss ihm das nach Kriegsende recht offen vorgeworfen haben. Als es  nach dem Krieg die Carepakete der Amerikaner gab, die der Pfarrer verteilte, bekamen wir als Grossfamilie keine davon.

Du warst immer politisch aktiv und hast Dich sozial engagiert. Was ist Dir dabei besonders wichtig (gewesen)?

Für mich steht das Grundgesetz über allem. Ich habe niemals meine Ansichten verraten. Wurde 1959 als einer der frühen Kriegsdienstverweigerer von einem Fünfergremium aus Gewissensgründen anerkannt. Bin solange ich denken kann Pazifist. So bin ich äusserst ungern  bereit, mich mit Nazis an einen Tisch zu setzen.

Ich bin in Dietzenbach sozial in einigen Vereinen aktiv.  Meine Frau und ich sind in der Flüchtlingshilfe aktiv, so betreuen wir z.B. eine afghanische Familie. Wir  unterstützten seit Jahren  zu Weihnachten 20 arme, bedürftige Familien ( darunter 10 migrantische Familien) mit einer Geldzuwendung.

Im letzten Jahr erhielt ich eine Auszeichnung für Verdienste für die die Völkerverständigung vom Ausländerbeirat der Stadt Dietzenbach.

Als die Deutsche Bundesbahn mit der Deutschen Reichsbahn zur Deutschen Bahn AG fusionierte, verloren  tausende Reichsbahner ihre Arbeit. Diese wurden mit einem Pauschalbetrag für teilweise über 30 Jahre Zugehörigkeit abgefunden, die weit unter normalen Abfindungsbeträgen in der Bundesrepublik lagen. Mehr wollte/konnte die Regierung nicht locker machen. Ich habe versucht bei der Politik in Bonn etwas mehr für die betroffenen Menschen rauszuschlagen. Das ist mir leider nicht gelungen. Den Menschen das während einer Veranstaltung mit cirka 280 Betriebsratsmitgliedern mitzuteilen, war das Schlimmste, was ich in meinem beruflichen Leben tun musste.

Am 27. Februar 2022, als Kanzler Scholz entschied, dass Deutschland Waffen in ein Kriegsgebiet, an die Ukraine liefert, habe ich meinen Austritt aus der SPD erklärt. Diese Entscheidung konnte ich als überzeugter Pazifist nicht mittragen. Waffenlieferungen helfen nicht, einen Krieg zu beenden. Und dauert ja nun seit 24. Februar an. Mit tausenden Toten auf beiden Seiten und einer unglaublichen Vernichtung von Städten und Infrastruktur durch den Aggressor Putin. Es müssen sich alle an den Kompromisstisch setzen.

Wann bist Du das letzte Mal im Riederwald gewesen?

Ich bin immer mal wieder in den Riederwald gekommen. Zuletzt vor einem 3/4 Jahr. Da habe ich meiner Tochter und  der Enkelin gezeigt, wo und wie ich bis zur Hochzeit 1962 lebte. Ich habe geklingelt, und man gestattete uns eine “Museumsbesichtigung“ !

Im Riederwald ist eine wunderbare Gemeinschaft geboren. Von einmaligen Eltern im Kreise von acht Geschwistern erzogen. Vor Kurzem wurde ich Mitglied des Ältestenrats der SG Riederwald. Du siehst: die Verbindung zum Riederwald ist nie abgebrochen!

Im Sommer 2022 erscheint Norberts drittes Buch. Darin erzählt er u.a. von seinem Leben und auch eingehend von seiner Kindheit und Jugend im Riederwald.

Das Interview führte Bruni Marx für die Riederwälder Anwohner- und Nachbarschaftszeitung (RAZ). Alle alten Ausgaben der RAZ finden sich hier.

Foto: Norbert Kern (vorne links) mit Geschwistern und Freunden vor dem Wohnhaus in der Motzstrasse. Quelle: Privat